Zitat Juli 2015

Zitat Juli 2015

Zitat Juli 2015

 

"If a man does not keep pace with his companions, perhaps it is because he hears a different drummer. Let him step to the music which he hears, however measured or far away."

Henry David Thoreau

Ich lernte dieses Wort Thoreaus kennen im Sommer 1995 bei meiner ersten Reise mit einer brandenburgischen Jungen Gemeinde (kirchlichen Jugendgruppe) in die Vereinigten Staaten. Mein amerikanischer Kollege John Miller benutzte zur Charakterisierung eines Jugendlichen, der sich durch seine eigene Geschwindigkeit und Betrachtungsweise aus der Menge der anderen heraushob. Er vertrat keine extremen Ansichten und polarisierte nicht. Er lebte nur in reduzierter Geschwindigkeit verbunden mit originellen Ideen. John Miller sagte: „He is marching to the beat of a different drummer“. In dieser Formulierung fand das Wort Eingang in die Sammlung der angloamerikanischen Sprichwörter.

Bei einem Kirchentag in den Achtzigern erlebte ich einen Clown, der durch den Rhythmus seiner Trommel die Masse zum Mitstampfen bewegte – bis die Aggression über die eigene Verführbarkeit überhandnahm.

Seitdem bin ich überzeugt, dass es zu den wichtigsten Aufgaben im Leben gehört, seinen eigenen Rhythmus zu finden. Einen Rhythmus, der sich auch durchhalten lässt, wenn alle anderen in die entgegengesetzte Richtung laufen.

Die Musik, der wir folgen, produzieren wir nicht selbst. Die Gemeinschaft, in der wir leben, gibt sie vor. Ihre Traditionen, ihre Überzeugungen, die aktuelle Lebensweise prägen ihren Klang. Erziehung, Bildung, eigenes Engagement formen unser Gehör. Die Wahrnehmungsfähigkeit zu schärfen, gehört zu den großen, lebenslangen Aufgaben.

Thoreau war ein Vordenker des zivilen Ungehorsams. Mahatma Gandhi und Martin Luther King bezogen sich auf ihn. Alle drei bezeugen, dass es auch in scheinbar aussichtslosen Situationen Alternativen gibt.

Die christliche Erzählung fängt mit einem Kind an, das im Stall geboren wird und als junger Mann zum Tode verurteilt und hingerichtet. Einfache  Menschen ohne Geld und Einfluss überwinden ihre Angst und berichten von einer kommenden Welt der Gerechtigkeit und des Friedens.

Seit dreiundzwanzig Jahren arbeite ich als Pfarrer in Brandenburg. Zunächst war ich zuständig für sechs Dörfer in der Nähe von Jüterbog, dann insgesamt elf Jahre in der Leitung zweier Kirchenkreise. Heute verantworte ich an der Evangelischen Akademie zu Berlin den Arbeitsbereich „Demokratische Kultur und Kirche im ländlichen Raum“ und wohne in Neuruppin.

Wegen der demografischen Entwicklung gilt der ländliche Raum dauerhaft als gefährdet. Auch in ihm kommt es darauf an, die anderen Töne zu hören. Die Klänge, die Lösungen ermöglichen; Perspektiven eröffnen und zum Handeln einladen.

Der ländliche Raum braucht viele Foren, in denen über seine Zukunft nachgedacht wird und Akteure, die bereit sind sich miteinander zu vernetzen und gemeinsam aktiv zu werden. Dazu will die Evangelische Akademie einen Beitrag leisten.

 

Heinz-Joachim Lohmann ist Studienleiter bei der Evangelischen Akademie zu Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Rechtsextremismus, Demokratieentwicklung, ländlicher Raum und die Zukunft der Kirche im ländlichen Raum.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM