Zitat Mai/Juni 2015

Zitat Mai/Juni 2015

Zitat Mai 2015

 

"Es ist niemals ein Dokument der Zivilisation, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozeß der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist."

Walter Benjamin

 

Das Zitat aus den geschichtsphilosophischen Thesen des jüdischen Philosophen und Literaturkritikers Walter Benjamin begleitet mich seit rund 25 Jahren. Es verweist darauf, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten und ihrer Helfershelfer kein Zivilisationsbruch waren. Sie sind heute als Teil der Geschichte einer Zivilisation zu fassen, die sich auf die westlichen Werte der Aufklärung beruft. Aus der daraus resultierenden Verantwortung kann man sich als Angehöriger der deutschen und europäischen Mehrheitsbevölkerung nicht davon stehlen. Nicht heute und nicht in einhundert oder zweihundert Jahren; auch wenn die Forderung endlich einen Schlussstrich zu ziehen bereits im Jahr 1945 in die Welt gesetzt wurde. Zu monströs ist das Ausmaß der Taten, zu gering noch das Verständnis über deren Zustandekommen.

 

Historisch-politische Bildungsarbeit stellt für mich eine Möglichkeit dar, sich dieser Verantwortung und der Dialektik, die in Benjamins Zitat aufscheint, zu stellen – auf Seiten der Lernenden und ebenso auf Seiten von Lehrenden. Vor allem letztere sind gefragt, soll sich ihr Handeln nicht in einer Instruktionspädagogik erschöpfen, die ewige Wahrheiten moralisierend vom Katheder aus verkündet, ihre eigene familienbiografische Verstrickung in die Geschichte und Wirkung von Nationalsozialismus, Holocaust und andere NS-Massenverbrechen zu reflektieren. Geschichte hat mit uns als Einzelnen zu tun und wir konstruieren Geschichtsbilder. Das gilt auch für den Bildungsbereich.

 

Vor diesem Hintergrund arbeite ich seit dem Jahr 2009 als Redakteur, inzwischen auch als Projektkoordinator des Bildungsportals "Lernen aus der Geschichte", einem Projekt des gemeinnützigen Vereins "Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien". Auch wenn Menschen aus der Geschichte vor allem zu lernen scheinen, dass man nichts aus ihr lernt, ist die Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen Folgen, die bis heute nicht nur in Europa spürbar sind, kein Selbstzweck. Das Portal und dessen monatliches Onlinemagazin wenden sich an Lehrkräfte, Gedenkstättenpädagog_innen und andere, die sich für die Thematik interessieren. Dabei geht es der Redaktion darum, den schmalen Grat zu gehen zwischen einer Pädagogik, die die Lernenden mit ihren Fragen in den Mittelpunkt des Bildungsprozesses stellt und der notwendigerweise normativen Aufladung des Themas – schließlich will niemand geschichtsrevisionistischen Ansätzen das Wort reden. Ein weiteres Motiv unserer Arbeit ist es einen Beitrag zu Erinnerungskulturen zu leisten, die sich nicht als statisch begreifen und Konkurrenzen zwischen gesellschaftlichen Gruppen forcieren.

 

Aus derselben Motivation heraus organisiert unser Team die Tagung "#erinnern_kontrovers", die am 9./10. Juli 2015 in Berlin stattfinden wird. Sie trägt nicht zufällig den Untertitel "Aufbrüche in den Erzählungen zu Holocaust, Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg". Aufzubrechen gilt es eine Erinnerungskultur, die sich häufig genug selbst genügt und deren kritischer Charakter viel zur nationalen deutschen Selbstvergewisserung beiträgt. Dabei wirkt ebendiese Erinnerungskultur in der postnationalsozialistischen Gesellschaft allzu oft ausgrenzend; vor allem jenen gegenüber, die mit dem schwierigen Begriff des "Migrationshintergrundes" belegt werden und deren Geschichte(n) in der Regel keinen Eingang in die historischen Erzählungen hierzulande finden. Aufbrechen verstehen wir aber auch als Bewegung, hin zu einem partizipativen, basisdemokratischen Ansatz in einer heterogenen Gesellschaft; ein Aushandlungsprozess, der sich nicht begnügt mit individueller und nationaler Selbstvergewisserung, sondern gemeinsam Wege finden möchte, die Erinnerungen an die Ermordeten wachzuhalten und sich mit den gesellschaftlichen wie individuellen Motivlagen auseinanderzusetzen, die zu Täterschaft und Mittäterschaft geführt haben. Erinnerung ist, wie Gesellschaft überhaupt, nicht statisch, sondern stets im Wandel und muss immer wieder neu definiert, häufig genug auch erkämpft, werden.

 

Mehr zum Portal „Lernen aus der Geschichte“ finden Sie hier: www.lernen-aus-der-geschichte.de. Sie können auch gerne unseren Tagungsblog http://erinnern.hypotheses.org oder unsere Vereinswebseite www.agentur-bildung.de besuchen.

 

  

Ingolf Seidel ist freiberuflicher Bildungsreferent und hauptverantwortlicher Redakteur für das Online-Portal "Lernen aus der Geschichte".

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM