Zitat August September 2015

Zitat August September 2015

Zitat August/September 2015

 

"The two most important days in your life are the day you are born and the day you find out why."

Mark Twain

 

Als ich diesen Satz in einem Film hörte, war mir klar, dass es genau dieses Zitat ist, welches für mich die wichtigste Erkenntnis meiner beruflichen Entwicklung darstellt.

Beginnen wir von vorn: Laut Twain gibt es zwei sehr bedeutende Tage im Leben eines Menschen. Der erste sei der Tag der Geburt, so Twain. Natürlich bin ich froh, geboren worden zu sein. Ich hatte eine glückliche Kindheit, war eine fleißige Schülerin und habe nach dem Beruf mit Abitur mich doch entschlossen, Lehrerin zu werden. Da ich an einer Schule mit erweitertem Russischunterricht diese Sprache lieben gelernt habe, war klar, dass ich Russischlehrerin werde. Mein zweites Fach ist Deutsch. 1988 fing ich an zu unterrichten und merkte bald, dass Schüler nicht unbedingt Russisch zu ihren Lieblingsfächern zählten. Nach der Wende entschloss ich mich, Englisch berufsbegleitend zu studieren. Ich mag diese Sprache, ich liebe den Singsang der Südengländer, ich bin fasziniert von London und habe wunderbare Reisen in die USA unternommen. Kurz nach dem Abschluss des Englischstudiums erfuhr ich von unserem Schulleiter, dass es die Möglichkeit gebe, Darstellendes Spiel berufsbegleitend zu studieren. 

Der zweite Tag, von dem Mark Twain spricht, hat mit diesem Studium zu tun. Darstellendes Spiel, ich bevorzuge den Begriff "Theater", ist das Fach, das mich am meisten begeistert. Warum? Es hat mich verändert, indem ich bemerkt habe, wie ich beim Unterrichten die Zeit vergesse, wie ich mich über gelungene Szenen und Inszenierungen freuen kann oder wie ich zufrieden aus der Probe gehe.

Kein Fach unseres Fächerkanons bietet die Möglichkeit, die Theater eröffnen kann. Die Schülerinnen und Schüler kommen in den Unterricht, ziehen ihre Trainingssachen an und beginnen einen Probenprozess, der ihnen zeigt, was sie körperlich, stimmlich, emotional und sozial alles leisten können. 

Theater macht die Kinder und Jugendlichen selbstbewusster, kritischer, sensibler für Sprache, Menschen und Themen. Immer wieder reflektieren die Schulabgänger, dass es das schönste Fach für sie gewesen sei, weil es ein anderes Arbeiten bedeutet, weil es körperlich, emotional und auch lustig ist. 

Ich wurde gefragt, ob ich mit einer Grundschulklasse Theater spielen möchte. Das habe ich getan und es war eine Herausforderung für mich: Grundschüler. Umstellen hieß es, die Methodik, nicht die Übungen verändern. In dieser Klasse lernte ich einen autistischen Jungen kennen, der jedoch drei Monate kein Wort mit mir sprach. Dieser Junge meldete sich auf dem Landesschultheatertreffen, um in der Nachbesprechung eine Frage zu stellen, der Vater reagierte sprachlos. 

Diese Veränderungen durch Theater spielen, die diese jungen Menschen erfahren, faszinieren mich immer wieder von neuem. Egal, ob ich mit den Schülern meiner Schule, dem Bertolt-Brecht-Gymnasium, arbeite oder  mit Grundschülern, mit psychisch Kranken oder mit Erwachsenen, ich finde genau dort eine Bestätigung, die mir die anderen drei Fächer nur ansatzweise bieten.

Eben aus diesem Grund ist es für mich selbstverständlich, mich für "Theater" einzusetzen. Seit 2007 bin ich landesweite Fachberaterin für "Darstellendes Spiel" und leite seit 2014  die Brandenburgische Landesarbeitsgemeinschaft "Theater in Schulen e.V.".

Nun steht uns, der Landesarbeitsgemeinschaft, ein großes Ereignis bevor: 2017 richten wir das "Schultheater der Länder" in Potsdam aus, das größte Theatertreffen Europas. Wir erwarten 320 Theaterspieler aus 16 Bundesländern und ca. 100 Fachtagungsteilnehmer. Unsere Landesarbeitsgemeinschaft steckt schon in den Vorbereitungen, denn ein solches Treffen ehrenamtlich zu bestreiten, das ist ein riesiges Stück Arbeit. Wir haben den Anspruch, dass wir aus mehreren wunderbaren Brandenburger Inszenierungen auswählen können. Wir erhoffen uns die Erfüllung unserer Vision, eine Weiterbildung für Theaterlehrer ins Leben zu rufen, um den Theaterunterricht zu stärken, zu entwickeln und zu professionalisieren. Unser Wunsch ist es, Unterstützung aus allen Bereichen, der Politik, Wirtschaft und der Stadt zu bekommen.

 

 

Heike Schade ist Lehrerin am Bertolt-Brecht-Gymnasium in Brandenburg an der Havel, landesweite Fachberaterin für Darstellendes Spiel im Land Brandenburg und Vorsitzende der Brandenburgischen Landesarbeitsgemeinschaft "Theater in Schulen e.V.".

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM