Zitat April 2016

Zitat April 2016

"You can speak as many foreign languages as you like – if you cut yourself shaving, you will revert back to your mother tongue.(Eddie Constantine)

Rasierklingen sind gefährlich, das ist kein Geheimwissen, welches uns der amerikanisch-französische Schauspieler und Lemmy-Caution-Darsteller Eddie Constantine in diesem Zitat verrät.  Aufgrund seiner Berufswahl wusste dieser mehrsprachige Geheimagentendarsteller aber anscheinend darüber hinaus auch um die Bedeutung, die unsere Herkunftssprache in mehrsprachigen Kontexten spielt. Sie ist der direkte Draht – nicht nur in unser Affektzentrum, wenn es beim Rasieren schmerzt oder Freude auszudrücken gilt – unsere Herkunftssprache ist auch auf vielfältigste Weise mit unserem Identitätskern verknüpft. Die Sprache, in der wir als erstes das Fluchen erlernt haben, aber auch das Flirten, die Sprache, in der wir die ersten Kinderlieder sangen oder Märchen zuhörten, ist unserem Herzen immer näher als alle in späteren Lebenssituationen erworbenen Sprachen,  selbst wenn wir eine fast muttersprachliche Kompetenz in ihr erworben haben. 

Deshalb zielt dieses Zitat – selbst wenn es in keinem Bildungskontext steht – auf eine Großbaustelle innerhalb unseres Bildungssystems, auf der ich seit einigen Jahren tätig bin, und die aufgrund der medialen Aufmerksamkeit für den Zuzug von Flüchtenden ohne Deutschkenntnisse zuletzt in den Fokus vieler Fortbildungen und Kongresse geraten ist, nämlich der Frage:  Was machen wir eigentlich mit den Sprachen unserer Schüler, wenn diese levantinisch, türkisch, kurdisch, kongolesisch oder einen Vlach-Dialekt sprechen?  

Ich selbst bin seit 2007 in der Lehrkräfteausbildung an der Humboldt-Universität beschäftigt, und das im Bereich Deutsch-als-Zweitsprache/Sprachbildung. Dort ist es u. a. meine Aufgabe, gemeinsam mit den Studierenden zu überlegen, welche Rolle denn wenig prestigeträchtige Herkunftssprachen im Unterricht spielen könnten.  Das ist ein ganz schön dickes Brett, denn dabei wird einem schnell klar, dass das, was Wissenschaftler den "monolingualen Habitus" unserer Bildungsinstitutionen nennen, tief in unserem Verständnis davon verankert ist, was in der Schule nützlich ist und was Quatsch. Und die Herkunftssprachen unserer Schüler – so sie nicht Französisch oder Englisch heißen – fallen ganz klar in die zweite Kategorie. Farsi ist nutzlos, Kurdisch kann hier eh keiner, die sollen lieber richtig Deutsch lernen, DAS brauchen die später, was ganz pragmatisch gedacht für die Erlangung von Bildungsabschlüssen eigentlich auch richtig argumentiert ist. 

Darum verwenden wir in der Praxis viel Zeit mit dem Testen von Sprachkompetenzen und dem anschließendem Lamentieren über die schlechten Deutschkenntnisse unserer Schülerinnen und Schüler, entwickeln eine Vielzahl von "Reparaturprogrammen" für unsere "kaputten" Deutschsprecher mit Migrationsgeschichte (Sprachförderung & Sprachbildung sind zwei der beliebtesten buzzwords in Bildungsdiskussionen zur Zeit), aber die Sprachen, die inzwischen schon seit über 50 Jahren in unseren Schulen zu hören sind, für die haben wir keinerlei Verwendung, noch weiß man in der Forschung viel über sie zu berichten. Wir kennen ja in der Regel auch keine türkischen oder polnischen Lieder, denn sonderlich neugierig waren wir seit den 60ern bezüglich der Herkunftssprachen unserer ehemaligen Gastarbeiter nicht. 

Und wenn ich mich dann in der Bibliothek rumschlage mit Bialystoks bilingual advantage, dem günstigsten age of onset sukzessiv bilingualer Kinder oder dem türkische Aorist im Vergleich zum Englischen present progressive, dann holt mich das Zitat von Eddie Constantine wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn das sich eine Lehrkraft mit zehn verschiedenen Sprachen in der Klasse nicht mal so nebenbei das linguistische und sprachdidaktische Rüstzeug aneignen kann, um mit den Schülern in der jeweiligen Herkunftssprache fachrelevant zu kommunizieren, das ist leicht einzusehen.

Aber dass wir als Schulen verlieren, wenn wir unseren Schülerinnen und Schülern nicht erlauben, einen so existentiellen Teil Ihrer Persönlichkeit wie ihre Herkunftssprache in den Alltag an Schulen mit einzubringen, das macht das obige Zitat deutlich: So richtig authentisch fluche ich nur in meiner erstgelernten Sprache, und im übertragenen Sinne kommuniziere ich auch nur "als ein anderer", wenn ich dies in einer möglicherweise nur unzureichend ausgebildeten Zweitsprache tue. 

Wenn Schulen also wirklich ein Ort für alle Schülerinnen und Schüler werden wollen, dann muss man sich in Zukunft unbedingt darum bemühen, diese in ihrer gesamten Sprachlichkeit wahrzunehmen und nicht nur als defizitäre Sprecher des Deutschen. Selbst wenn Nicht-Schulsprachen in unserem Schulsystem erst einmal nutzlos scheinen. Wie das in Schulen gelingen kann, die eigentlich einmal erfunden wurden für Kinder, die bei Einschulung schon Deutsch können, ist angesichts der in Berlin inzwischen schon fast bei 40% liegenden Quote von Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunftssprache tatsächlich kein Nebenschauplatz mehr. 

Und wie ich meinen überwiegend deutsch-muttersprachlich aufgewachsenen Studierenden im Lehramt verständlich mache, was es heißt, auf Türkisch zu fluchen, aber die Klassenarbeit auf Deutsch zu schreiben, das ist eigentlich die Beschreibung meiner Tätigkeit an der Humboldt-Universität. Und das hat nicht nur etwas mit Linguistik und Sprachdidaktik zu tun, sondern damit, Respekt vor dem Individuum zu haben, das da vor mir sitzt. Und dazu gehört auch der Respekt vor der Sprache, die den Herzen unserer Schülerinnen und Schüler am nächsten ist, das hat der unfreiwillige Pionier der Mehrsprachigkeitsdidaktik Eddie Constantine in seinem Zitat messerscharf erkannt. 


Alexander Lohse ist Dozent im Modul Deutsch als Zweitsprache/Sprachbildung an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM