Zitat Juni 2016

Zitat Juni 2016

"Deine persönliche Zukunft hängt vom Zustand der Welt ab." (Anne Frank)

Neulich habe ich eine Ausstellung von Anne Frank besucht. Es gab viele Bilder und Zitate. Als ich diesen Satz las, wurde ich in meinen Gedanken fortgetragen und fühlte mich tief betroffen. Ich stellte mir die Fragen, wie ist ein 14-jähriges Mädchen dazu gekommen, so viel zu machen und so was zu schreiben. Ich spürte dann ihre Klugheit, ihre Lebensfreude, aber auch ihre Verwirrung. 

Meine persönliche Zukunft hängt immer von anderen ab und da wir in einer Globalen Welt mit anderen Menschen und externen Elementen leben, die Einfluss auf mein Leben haben, besteht mehr denn je eine Art Abhängigkeit. Die gestrigen und heutigen Naturkatastrophen, humanitären und sozialen Krisen erinnern uns an diesen Zusammenhang. Ich kann natürlich ein paar Sachen selbst bestimmen, aber letztendlich bin ich nicht so frei.

So fing meine Kindheit in Monatélé an, einer kleinen Stadt in Kamerun. Dort bin ich als Sohn eines Agraringenieurs geboren und habe einfach die ganze Kolonialgeschichte meines Landes geerbt. Konnte ich entscheiden, was ich essen möchte, welche Schulen ich besuchen möchte? NEIN. Genauso kann meine Heimat Kamerun wie viele Länder des globalen Südens nicht wirklich ihre eigene Bildungs- und Wirtschaftspolitik bestimmen, denn sie sind von der Sklaverei, dem Kolonialismus und heute dem Neokolonialismus stark geprägt.

Ich hatte viel Glück, viel Glück im Vergleich zu manchen Jugendlichen in Kamerun. Ich konnte viel mit meinen Eltern reisen, genug essen, Sport treiben, gute Schulen besuchen und einen Beruf ausüben. Zwischendurch bin ich Pfadfinder geworden. Ich war ein Privilegierter.

Nach einem 5-jährigen erfolgreichen Studium an der erziehungswissenschaftlichen Hochschule Jaunde in Kamerun wurde ich als verbeamteter Gymnasiallehrer 2004 ins Gymnasium versetzt. Sieben Jahre lang unterrichtete ich Deutsch als Fremdsprache an verschiedenen Gymnasien in Edéa, Ndelélé und Omeng (Kamerun). Als Beamter habe ich die Möglichkeit gehabt, mich fortzubilden, viel zu erfahren und Dienstreisen auch ins Ausland zu machen. Als Pfadfinder habe ich mich immer für die Benachteiligten und Gerechtigkeit engagiert. Gerne wollte ich Karriere in meiner Heimat machen. Weil das Leben von vielen Menschen in unterschiedlichen Ländern des globalen Südens leider an einem Faden hängt, musste ich auch wie viele andere meine Heimat 2011 verlassen. Nach anderthalbjährigem schwierigen Kampf eröffnete sich für mich eine Bleibeperspektive in Deutschland, nicht zuletzt wegen meiner Sprachkenntnisse und dank der Unterstützung von Menschen (Ausländern und Deutschen). Ich habe dann immer versucht, mich weiterzuentwickeln, indem ich Geflüchteten und Migrant_innen zwei Jahre ehrenamtlich Deutsch beigebracht, viele Weiterbildungen an den Universitäten gemacht und ein fünfmonatiges Praktikum bei der Stiftung Nord-Süd-Brücken in Berlin absolviert habe. Ich habe mich am Ende stark für die Geflüchteten und die Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt, wie in meinem Fall das Leben und die Zukunft dieser Kinder, Frauen und Männer sowie die Entwicklung von Ländern des globalen Südens von der Weltpolitik (Umwelt-, Wirtschaftspolitik u.a.) abhängen.

Seit 2012 führe ich Seminare zu verschiedenen Themen (Rassismus, Globales Lernen, Menschenrechte, Flüchtlingspolitik …) durch. Des Weiteren wurde mit der Unterstützung der Stiftung Nord-Süd-Brücken 2012 ein Traineeprogramm für die Einstellung von Geflüchteten und Migrant_innen in entwicklungspolitischen Einrichtungen entwickelt (noch nicht finanziert).

Seit Oktober 2014 koordiniere ich das Bildungsprogramm CHAT der WELTEN in Brandenburg bei den RAA Brandenburg. Das Bildungsprogramm CHAT der WELTEN ist ein bundesweites Angebot von Engagement Global, das aus Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert wird.

In Brandenburg konzentriert sich CHAT der WELTEN inhaltlich auf die Flüchtlingsthematik und bietet einen Onlineaustausch zwischen Lernenden sowie Lehrkräften aus dem globalen Norden und dem globalen Süden im Schulkontext an. Dabei ist der CHAT der Höhepunkt des Projekts und macht internationale Verflechtungen und globales Miteinander für alle Beteiligten unmittelbar erfahrbar. Es wird mit in Deutschland lebenden Geflüchteten, Fachleuten der Entwicklungszusammenarbeit oder Flüchtlingsorganisationen, Politikern und idealerweise mit Schulklassen im globalen Süden gechattet. CHAT der WELTEN Brandenburg bietet sowohl Projekttage und Projektwochen an Schulen ab der 5. Klasse an, als auch Fortbildungen für Lehrkräfte und Multiplikator_innen. Ziel ist es, aktuelle entwicklungspolitische Inhalte und Fragen zur Gestaltung einer gerechten globalen Zukunft in den Unterricht und das Schulleben zu integrieren, Lernende und Lehrkräfte, die sich in ihren Kommunen für eine Willkommenskultur engagieren möchten, zu unterstützen, die Problemlösungskompetenzen von Teilnehmenden zu stärken und deren Medienkompetenzen zu festigen. 

Das Programm ist kostenlos und seit seinem Start in Brandenburg wurden über 80 Veranstaltungstage an Schulen durchgeführt, über 800 Lernende sowie 100 Lehrkräfte erreicht. Darüber hinaus wurden mit Menschen aus verschiedenen Ländern und auch mit 2 Schulklassen im globalen Süden gechattet. Mehr als 30 Brandenburger Schulen haben sich daran beteiligt und wir hoffen, für die kommenden Jahre weitere Schulen und CHAT-Partner_innen zu gewinnen.

Mein Wunsch ist es, eine bessere Zukunft für die Geflüchteten überall und eine faire friedliche Welt für alle durch mein Engagement zu ermöglichen. 


Erbin Dikongue ist Gymnasiallehrer für Deutsch als Fremdsprache, Seminarleiter für Engagement Global gGmbH in Deutschland und Projektkoordinator von CHAT der WELTEN Brandenburg bei den RAA Brandenburg.


Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM