Zitat April 2013

Zitat April 2013

Zitat April 2013

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“

Passt dieses afrikanische Sprichwort auch für Wilmersdorf, Mahlsdorf, Rangsdorf, Niedergörsdorf? Gilt es auch für die Suchtprävention? Als „Dorfbewohner“ der Berlin-Brandenburger Bildungslandschaft mit mehr als 40 Jahren Erziehungserfahrung habe ich dieses Sprichwort immer wieder gerne zitiert. Es hat mich begleitet, bestätigt, ermuntert und zu vielfältigen Kooperationen angeregt.

Peers als Mit-Erzieher

Im Zuge meines Pädagogikstudiums in der „Insel West-Berlin“ begegnete mir der Begriff Suchtprävention so gut wie nie. Ich finanzierte mein Studium als Kellner in verschiedenen Studentenlokalen und in der Discothek Sound, die einmal durch Christiane F. bekannt werden sollte. Ich lernte in der Arbeitspraxis ganz nebenbei, welche Wirkungen die Suchtmittel Alkohol, Nikotin, Cannabis, LSD oder „Berliner Tinke“ auf meine Generation hatten. Ich erlebte Neugier, Angst, Faszination und Mitleid in meiner Haltung gegenüber den Konsumenten, in meinem Bekanntenkreis gab es die ersten Opfer. Mein persönliches Konsumverhalten wurde durch einige Positivbeispiele und manche Negativerlebnisse beeinflusst – Peers wirkten unbeabsichtigt als Mit-Erzieher in der Community.

Schule als Erziehungsort

Als Referendar an einer Oberschule erlebte ich offizielle und illegale Raucherecken, Geburtstagssekt  zur Pause im Lehrerzimmer, Alkoholexzesse auf Klassenfahrten. Mitte der Siebzigerjahre erreichte in Westberlin die Zahl der Drogentoten einen bemerkenswerten Höhepunkt. Schule sollte darauf reagieren, indem an jede Oberschule eine Kontaktlehrkraft eingesetzt wurde, die hauptsächlich intervenieren sollte. Es gab damals noch keine Suchtpräventionsliteratur, das Thema war nur im Biologieunterricht durch Abschreckung und Aufklärung verortet, ansonsten gab es Ermahnungen, Klassenkonferenzen und schulische Maßnahmen. Ich durfte aktiver Zeitzeuge einer rasanten Entwicklung werden: Suchtprophylaxekurse wurden Teil der Lehrerausbildung, darum beneideten uns andere Bundesländer. Zur Jahrhundertwende gab es Kontaktlehrkräfte auch an allen Berliner Grundschulen, die Betonung von Erziehung rückte in den Vordergrund. Deutlich wurde der Zuwachs von Fachkompetenz, wir mussten auf neue Medien und Medienabhängigkeiten reagieren, auch auf neue Drogen und Spielleidenschaften.

Erziehungserfolge werden sichtbar

Der Einsatz lohnte auf die Dauer, zumindest bei jugendlichen Rauchern und Alkoholkonsumenten; Regelungen halfen dabei, wie z. B. bei der Übertretung des Rauchverbots , konkrete Handlungsempfehlungen für Suchtmittelvorfälle wurden erarbeitet, Schulen nutzten Projektangebote und entwickelten diese auch selbst. Erfolge werden seitdemsichtbar, z. B. bei der sinkenden Zahl der Raucher der jugendlichen „Rauschtrinker“, besonders in Berlin. Lehrerzimmer wurden langsam zu sicht- und riechbaren Vorbildern des Nichtrauchens und der Alkoholfreiheit, wenn auch manchmal mit Murren. Schulen konnten sich durch Suchtprävention im Schulprogramm profilieren, positiv z. B. bei Schulinspektionen.

Kooperieren: Klappt's oder knirscht's?

Dem Zitat nach braucht es alle „Dorfbewohner“, um unsere Kinder in Berlin und Brandenburg zu erziehen. In Dorf, Stadt, Großstadt und Land (ich nenne das zusammen gehörende Gebilde einfach „Großdorf“) halfen viele und bremsten einige bei den vielfältigen und notwendigen Erziehungsaufgaben. Dazu möchte ich einige Erfolge und Hindernisse ein bisschen näher beleuchten.

Erziehungsspezialisten braucht das "Dorf"

Die dichtbesiedelten Gemeindeteile von „Großdorf“, die viele Spezialisten bestellten und bezahlten, profitierten von deren Einsatz. Regelmäßige Arbeitstreffen und Fortbildungen der Kontaktlehrerinnen und -lehrer, oft einmal pro Monat, geleitet bzw. organisiert von aus- und fortgebildeten Koordinator(inn)en erhöhten einerseits die Fachkompetenz, sie vertieften aber auch das Vertrauen, über Schwierigkeiten oder Misserfolge im geschützten Kreis zu sprechen und nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. Die Koordinator(inn)en hatten bis vor kurzem eine hohe Arbeitszufriedenheit durch ein Qualitätsmanagement (siehe Untersuchungsergebnisse 2012). Umstrukturierungen und Sparmaßnahmen bremsten den Mitarbeiterelan, wie man es aus anderen Großbetrieben kennt.

Von 1988 bis 2012 besuchten mehrere tausend Referendare/-innen, anfangs durch Zweierteams, später durch eine/n Dozentin/-en angeleitet, zweitägige, schließlich nur noch 1½-tägige Einführungsseminare (S. 8) in Theorie und Praxis der Suchtprävention. Es erfolgte die Abschaffung dieser deutschlandweit beispielhaften personellen und inhaltlichen Ausstattung. Übrig blieb ein Mini-Baustein (S. 38) eines Ausbildungsmoduls „Erziehen und Innovieren“,  im Zuge der Änderung des Lehrerbildungsgesetzes durch einige „Dorfälteste“ ohne Beteiligung oder Befragung der Spezialisten vor Ort beschlossen. Kontinuität, Verlässlichkeit und Respekt vor Erfolgen sind elementar wichtige Parameter für gute „Erziehung im Dorf“. Deren Vernachlässigung könnte sich langfristig negativ auswirken.

Unsicherheitsfaktoren in der Erziehung

„Großdorf“ erlebte im Laufe seiner Entstehung großen Flächenzuwachs. In den neuen Gebieten herrschte anfangs verständliche Verunsicherung, wie hinzugekommene Probleme und Gefahren für die Kinder und Jugendlichen zu meistern seien. Alkohol,  Zigaretten und Medikamente waren bekannt, damit konnte man umgehen (wirklich?), aber mit der zu erwartenden Drogenwelle?

Etliche pädagogische „Stadt- und Landschaftspfleger“ übten sich in Zusammenarbeit, die anzulegenden Wege zum Erfolg gingen manchmal in unterschiedliche Richtungen. Entstanden trotzdem blühende Landschaften? Zum großen Teil ja, was z. B. an der Vielfalt der aufgelisteten suchtpräventiven Projekte und Angebote für die Schule beim „Großdorfer Bildungsserver“ zu sehen ist, oder an den Fachgesprächen und Tagungen zu den neu hinzugekommenen Themen "Glücksspielsucht" bzw. "Exzessive Mediennutzung". Mögen sie weiter wachsen, Fortschritt braucht Pflege.

Uneinigkeiten im Dorf

Wenn ein ganzes Dorf benötigt wird, um ein Kind oder gar sehr viele Kinder zu erziehen, dann heißt das noch lange nicht, dass alle Bewohner an einem Strang (er-)ziehen. Hier ein paar Beispiele, die diese Tatsache beleuchten:

Die Anzahl der neu eingerichteten Spiel- und Wetthallen, Casinos, Geld- und Glücksspielgeräten in Imbissen und Restaurants zeigt eine erschreckend hohe Dichte. Was lernen Kinder und Jugendliche von den „Verantwortlichen“? Wer gewinnt wirklich?

Obwohl jede Steuererhöhung bei Tabakprodukten zu einer signifikanten Senkung der Anzahl der Raucher führt, stehen die Interessen der verantwortlichen Ministerien (und die der Lobbyisten) gegeneinander. Werbemöglichkeiten, Zigarettenautomatendichte (die höchste der Welt) und flächendeckende Rauchverbote im öffentlichen Raum werden im Vergleich zu vielen anderen Staaten in Deutschland sehr „großzügig“ gehandhabt. Ein weiteres Negativbeispiel, das die Verhältnisse gut beleuchtet sind Raucher-Sonderrechte für einen Ex-Bundeskanzler, die ein denkbar schlechtes Erziehervorbild zeigen.

Die europäischen Staaten haben den höchstenAlkoholkonsum verglichen zur restlichen Welt. Was lernen in diesem Zusammenhang Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, z. B. aus muslimisch geprägtem Elternhaus in unserem Alltag von ihren deutschen Alkohol trinkenden „Vorbildern“ in U- und S-Bahnen oder auf manchen Klassenfahrten? Was lernen sie außer der Familiensprache beim (exzessiven) Fernsehkonsum im Elternhaus? Es ist noch ein weiter Weg zur Einführung und Einhaltung sinnvoller Regeln. Anfänge suchtpräventiven Elternschulung machen mir Hoffnung.

Erziehung ist universelle Prävention

„Großdorf“ ist in seinen Erziehungsbemühungen auf die Unterstützung durch das gesamte Umfeld angewiesen. Suchtprävention im Sinne von psychischer und physischer Gesundheitserziehung braucht  persönliche bzw. administrativ verantwortliche Einflussnahme auf familiärer, schulischer, kommunaler, staatlicher, europäischer und globaler Seite. Dazu abschließend noch einige Beispiele von weiterem Handlungsbedarf, die mir am Herzen liegen:

  • Die elterliche Vorbildfunktion beim Suchtmittelkonsum; Elternberatung, Elternschulung (Bsp. Passivrauchschutz von Kindern)
  • Ausbau und Beachtung von Kinder- und Jugendschutz sowie anderen einschlägigen Gesetzen
  • Absprachen, Regeln und rechtliche Verbindlichkeiten bezüglich Konsolenspiel-, Internet- und Mediennutzung, Werbeverbote für Suchtmittel
  • Erarbeitung von Maßnahmenkatalogen bezüglich Suchtmittelkonsum im schulischen Kontext, Anwendung von Dienstvereinbarungen für den Arbeitsplatz
  • Schule, Schulhof, Schulnahraum und Schulveranstaltungen als selbstverständlich suchtmittelfrei für alle Beteiligten (kein Feiersekt in der Pause, keine Trinkexperimente im Unterricht, kein Zigarettenautomat in Schulnähe, keine Duldung von Raucherinseln)
  • Konsequentes Rauch- und Alkoholverbot in öffentlichen Gebäuden und im Personenverkehr, keine Ausnahmeregeln für Shisha- und Raucher-“Clubs“
  • Abschaffung von Alkoholflatrates und Freigetränken
  • Konsequente Kontrollen der gesetzlichen Vorgaben, z.B. durch kommunales Personal
  • Dichte Netze und Kooperationen von Schule mit Einrichtungen der Prävention, Beratung und Hilfe
  • Immer mehr Schulkollegien, die durch Qualitätsmanagement in der suchtpräventiven Arbeit einen hohen Standard erreichen und so nach innen und außen wirken (Bsp. Modellprojekt SmokeOut)
  • Weiterarbeit an gemeinsam entwickelten Leitlinien zur Suchtprävention

 

Der Blick nach vorn

Kurz vor meiner bald anstehenden Pensionierung bin ich zuversichtlich, dass es für die Entwicklung unsere Kinder und Jugendlichen in Richtung Stärkung und Un-Abhängigkeit nachhaltig vorangeht mithilfe sinnvoller Präventionsaktivitäten aller Beteiligten in unserem  „Großdorf“. So, wie Suchtentstehung immer an einem multifaktoriellen Risikomodell erklärt wird, so mögen hoffentlich die vielen Schutzfaktoren der suchtpräventiven Arbeit in der Erziehung weiter nach besten Möglichkeiten von allen „Bewohnern“ beachtet werden und unser „Dorf“ und vor allem die Lebenswelt der Kinder aufblühen lassen.

 

Heinz Kaufmann

Redaktionell verantwortlich: Ralf Dietrich, LISUM