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Kompetenzorientierte Selbsteinschätzung

Kompetenzorientierte Selbsteinschätzung

Möglichkeiten zur kompetenzorientierten Selbsteinschätzung sind für die Schülerinnen und Schüler eine Gelegenheit, sich zunehmend mehr als Motor ihres Lernens zu erleben. Bei entsprechender Anleitung und Unterstützung durch die Lehrkraft entwickeln die Schülerinnen und Schüler eine realistische Vorstellung von der Wirksamkeit ihrer Lernanstrengungen, lernen mit Beurteilungen konstruktiv umzugehen. Das sind Voraussetzungen dafür, dass sie schrittweise mehr Eigenverantwortung für ihren Lernprozess übernehmen können.

Für die gewünschte Wirkung der Selbsteinschätzung – die Erfahrung der Selbstwirksamkeit – ist die Lernatmosphäre in der Klasse von entscheidender Bedeutung. Die Schülerinnen und Schüler müssen darauf vertrauen können, dass sowohl die Lehrkraft als auch die Mitschülerinnen und Mitschüler respektvoll und wertschätzend mit ihren Aussagen umgehen. Ist das nicht der Fall, wird die Selbsteinschätzung eher als Kommunikationsfalle denn als Unterstützung erlebt und dementsprechend boykottiert.

Ziel der Selbsteinschätzungen ist es nicht, dass Schülereinschätzung und Lehrereinschätzung so weit wie möglich übereinstimmen. Unterschiede in den Einschätzungen bieten beiden Seiten hilfreiche Informationen: Für die Lehrkraft wird deutlich, wie eine Schülerin bzw. ein Schüler ihre bzw. seine Fähigkeiten wahrnimmt. Für die Schülerinnen und Schüler wird erkennbar, welche Anforderungen an sie gestellt werden. Verschiedene Einschätzungen – egal ob mit Abweichungen nach oben oder unten – sind daher ein sinnvoller Anlass für Gespräche, um Erwartungen und Vorstellungen abzuklären.

Bei Auswahl und Einsatz der Methoden sollte auf Folgendes geachtet werden:

  • Die Verfahren sind auf die Lese- und Schreibfähigkeiten der Schülerinnen und Schüler abgestimmt. 
  • Die erwarteten Leistungen bzw. Kompetenzen sind so formuliert, dass die Schülerinnen und Schüler sie verstehen können.
  • Kriterien und Maßstäbe für die Einschätzung der Lernergebnisse sind mit den Schülerinnen und Schülern am Beginn des Arbeitsprozesses ausführlich abgeklärt worden. 

Lernscheibe

Für die Arbeit mit der Lernscheibe werden Namensklammern (Wäscheklammern aus Holz, die mit dem Namen beschriftet sind) benötigt sowie eine stabile Pappscheibe von ca. 50 cm Durchmesser. Die Scheibe ist in vier verschiedenfarbige Segmente eingeteilt. (Abb. 30). Jeder Farbe ist eine Aussage über den Lernstand zugeordnet, zum Beispiel: 

  • rot: Das kann ich noch nicht.
  • gelb: Das kann ich etwas. 
  • grün: Das kann ich. 
  • blau: Das kann ich einer Mitschülerin oder einem Mitschüler erklären.

Um die Aussagen auch für Kinder verständlich zu machen, die noch nicht lesen können bzw. wenige Sprachkenntnisse haben, können die Aussagen zusätzlich mit Symbolen versehen werden. Über der Scheibe steht, auf welche Anforderung sich die Aussagen beziehen, z. B.: "Ich kann Wörter im Wörterheft nachschlagen" (Abb.31).

Nachdem gemeinsam besprochen wurde, was in dem Lernbereich erwartet wird, bekommen die Schülerinnen und Schüler eine Testaufgabe, mit der sie einschätzen, ob und wie sie mit den Anforderungen zurechtkommen. Ihrer Ausgangslage entsprechend stecken sie ihre Namensklammer nach eigener Einschätzung in einem der vier Kreissegmente an.

Hat ein Kind während der Übungszeit den Eindruck, dass es sich verbessert hat, versetzt es seine Namensklammer in das passende Farbfeld. Wer in das Feld "Das kann ich" seine Klammer setzen kann, bearbeitet eine Referenz- bzw. Testaufgabe, an deren Ergebnissen abzulesen ist, inwiefern die Aussage "Das kann ich" zutrifft.

Die Lehrkraft erhält mit der Lernscheibe schnell einen Überblick über den Lernstand ihrer Schülerinnen und Schüler und kann entsprechende Lernangebote zur Differenzierung anbieten. So kann z. B. über die Namensklammern auf der Lernscheibe nach einem Patenkind gesucht werden, das seine Klammer ins Feld "Das kann ich erklären" gesteckt hat und anderen als Assistentin oder Assistent Tipps und Tricks zum Lernen weitergeben kann. Für die Schülerinnen und Schüler ist die Lernscheibe ein Instrument, mit dem sie ihre Lernentwicklung innerhalb eines überschaubaren Lernbereichs beobachten und ihre Lernfortschritte dokumentieren können.


Checkliste

"Ich kann Wörter richtig schreiben" oder "Ich kann Wörter nachschlagen" sind Anforderungen, die durch eindeutige "falsch - richtig - Zuordnungen" eingeschätzt werden können. Andere Anforderungen sind komplexer und nicht so eindeutig zu überprüfen, z. B. "Ich kann lesbar schreiben".

Hier ist eine Checkliste hilfreich, in der wesentliche Kriterien für eine lesbare Schrift aufgelistet sind. Die Checkliste hilft den Schülerinnen und Schülern mit nachprüfbaren Aussagen ihre Leistung einzuschätzen, ihre Ergebnisse zu überprüfen und gegebenenfalls zu überarbeiten.

Die Schülerinnen und Schüler dokumentieren ihre Einschätzung durch Kennzeichnung der Kriterien bzw. Prüfpunkte, die sie nach eigener Einschätzung hinreichend gut erfüllt haben. Wer will, kann – wie in dem Beispiel (Abb. 32) – das Arbeitsergebnis auch von der Lehrkraft einschätzen lassen. Durch Vergleich lässt sich sowohl für das Kind als auch für die Lehrkraft erkennen, wo es Übereinstimmungen gibt und wo nicht.


Einschätzungsskalen

Wenn nicht nur festgestellt werden soll, ob eine Anforderung erfüllt wurde oder nicht, sondern auch wie gut sie erfüllt wurde, wird für die Selbsteinschätzung eine Einschätzungsskala gebraucht, auf der die Schülerinnen und Schüler das jeweilige Niveau kennzeichnen können.

In dem Beispiel zum flüssigen Vorlesen (Abb. 32) wird als Skala eine Sternchenreihe vorgegeben. Die Schülerin bzw. der Schüler markiert die Sternchen entsprechend seiner Einschätzung: Je mehr Sternchen markiert werden, umso besser wird die Leistung eingeschätzt. Es empfiehlt sich eine gerade Anzahl (vier oder sechs) Sternchen vorzugeben, um der Tendenz vorzubeugen, immer die Mitte zu wählen.

Eine andere Darstellungsform für eine Einschätzungsskala3 ist ein in Segmente eingeteilter Kreis (Abb. 34).4 Jedem Segment ist eine Aussage zugeordnet, zu der eine Einschätzung vorgenommen werden soll, indem ein Punkt in einen Ring gesetzt wird. Je näher der Punkt zur Mitte hin eingezeichnet wird, umso positiver ist die Einschätzung.


Einschätzungsraster

Bei dem Einschätzungsraster können zu den aufgelisteten Anforderungen vier verschiedene Aussagen getroffen werden. Die verschiedenen Niveaus sind sowohl verbal als auch mit Symbolen bzw. Punkten dargestellt. Die Schülerin bzw. der Schüler kreuzt die passende Aussage an.

Diese Form eignet sich vor allem für die Einschätzung eines längeren Zeitraums, z. B. nach einem Projekt oder nach einem Schulhalbjahr. Die Selbsteinschätzungsraster sind oft sehr textlastig und daher für die Schulanfängerinnen und Schulanfängern in der Regel erst dann geeignet, wenn ihre Lesefähigkeiten schon sicher entwickelt sind.


Referenzaufgaben

Eine Referenzaufgabe gibt wieder, welche Leistung von den Schülerinnen und Schülern im Hinblick auf eine bestimmte Anforderung erwartet wird, um die Anforderung als erfüllt anzusehen. Das Beispiel5 (Abb. 36/37) zeigt eine Referenzaufgabe für den Bereich Rechtschreiben zur Anforderung: "Ich kann Merkstellen benennen".

Die Referenzaufgabe orientiert sich an Regelanforderungen, d. h. der Schwierigkeitsgrad ist so festgelegt, dass in der Regel alle Schülerinnen und Schüler die Aufgaben bewältigen können. Damit die Schülerinnen und Schüler sich mit den Referenzaufgaben selbst einschätzen können, sollten die Aufgaben - wenn möglich - so ausgewählt werden, dass die Schülerinnen und Schüler selbst bzw. ihre Lernpartnerinnen oder Lernpartner die Ergebnisse überprüfen können. In dem Beispiel gibt es zur Aufgabenkarte eine Partnerkarte (Abb. 38), mit der die Lösungen überprüft werden können.

Referenzaufgaben werden nicht von allen Schülerinnen und Schülern zum gleichen Zeitpunkt – wie z. B. Tests oder Klassenarbeiten – bearbeitet. Der Zeitpunkt für die Bearbeitung wird durch den individuellen Lernstand bestimmt, weil bei individuellen Lernwegen die Schülerinnen und Schüler einen Lerninhalt zu unterschiedlichen Zeitpunkten beherrschen. Wenn eine Schülerin bzw. ein Schüler meint, dass sie oder er innerhalb eines Übungsbereichs sicher genug ist, holt sie bzw. er sich die passende Referenzaufgabe. Damit die Schülerinnen und Schüler sich selbstständig überprüfen können, muss klar geregelt sein, wie man die Aufgaben bekommt, wo man sie ablegt, wie man damit arbeitet und wer sie überprüft.

Für die erfolgreiche Bearbeitung einer Referenzaufgabe können Symbole verabredet werden, z. B. Stempel, Plaketten, Unterschriften, mit denen im Deutschheft oder im Portfolio dokumentiert wird, welche Referenzaufgaben bearbeitet wurden.6

War die Bearbeitung einer Referenzaufgabe nicht erfolgreich, kann diese Aufgabe zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden, eventuell mit einer Parallelaufgabe.

Für die Schülerinnen und Schüler wird durch die Referenzaufgaben deutlich, was sie können und was sie noch nicht können. Für die Lehrkraft sind die Referenzaufgaben eine Hilfe, die individuellen Lernstände der Schülerinnen und Schüler zu überblicken.

Weitere Beispiele für Referenzaufgaben zum Bereich Schreiben/Rechtschreiben findet man z. B. in den Diagnostischen Aufgaben zum Rahmenlehrplan 1-10/Fach Deutsch.



Autorin: © Mechthild Pieler


 

Redaktionell verantwortlich: Erna Hattendorf