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Lesen im Medienverbund

Lesen im Medienverbund


1 Was ist ein Medienverbund?

„Bei dem nach dem Baukastensystem funktionierenden Medienverbund wird ein Leitmedium in andere Medien umgesetzt und gleichzeitig oder mit zeitlicher Verschiebung auf den Markt gebracht. (…) Ausgangspunkt kann dabei ein Buch, ein Comic, aber auch ein Film, ein Hörspiel, ja sogar ein Spielzeug sein. Auffallendes Merkmal der meisten Medienverbünde ist, dass sie alle Sinne ansprechen.“ (Kümmerling-Meibauer, 2007)

2 Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund ist kein neuartiges Phänomen des 21. Jahrhunderts

Kinderbücher wie „Alice‘s Adventures in Wonderland“ wurden z. B. bereits im 19. Jahrhundert in eine Dramenfassung transportiert, die 1887 uraufgeführt wurde. Schon 1934 entstand der Kinderfunk als selbstständige Programmsparte: Die „Berliner Funkstunde“ bot Lesungen und Hörspiele nach Buchvorlagen, aber auch eigens produzierte Geschichten (vergleiche heute: „Ohrenbär“). Mit wachsender Bedeutung des Fernsehens lieferten in der BRD amerikanische Nachmittagsserien für Kinder („Fury“, „Lassie“) Stoff für auflagenstarke Kinderbücher (Bischof/Heidtmann).
Erich Kästner nutzte schon ab 1930 mediale Mehrfachverwertungen bei der Vermarktung seines Kinderromans „Emil und die Detektive“: Der Roman erschien 1929, die Bühnenfassung 1930, der Film 1931, das Gesellschaftsspiel 1931. Nach 1945 folgten weitere Filmversionen, Bühnenfassungen, eine Gesellschaftsspiel-Edition, ein Musical, ein Hörspiel, ein Hörbuch (Lesung), ein Comic (Häfele, 2008).
Medien beeinflussen sich (nicht nur im Verbund) gegenseitig. Eines von vielen Beispielen hierfür sind in den letzten Jahren entstandene analoge Bilderbücher mit interaktiven Elementen, die die jungen Leserinnen und Leser z. B. zum Drücken auf Punkte, zum Antippen von Figuren, zum Drehen des Buches anregen. Hier ist der Einfluss von Bilderbuch-Apps deutlich zu erkennen.

3 Medienverbund und Lebensweltbezug

Medienverbünde stellen ein bedeutsames Phänomen in der außerschulischen Welt der Kinder und Jugendlichen dar. Die Gestaltung schulischer multimedialer und multimodaler Lernsettings greift dies auf. Kinder und Jugendliche eignen sich heute Literatur lesend, hörend, sehend, navigierend an. Literatur ist nicht mehr ausschließlich an das Medium Buch gebunden, sondern eine von verschiedenen Formmöglichkeiten. Literarisch-ästhetische Erfahrungen sind heute in zunehmendem Maße intermediale Erfahrungen.
Rolle des Leitmediums im Medienverbund sind oft Filme. Grund dafür kann sein, dass für Kinder im Grundschulalter das Fernsehen die am häufigsten ausgeübte Medientätigkeit und auch die beliebteste ist (KIM-Studie 2016).

4 Potenziale von Medienverbünden für das literarische Lernen im Deutschunterricht (nach Klaus Maiwald)

  • Die Reflexion der eigenen Medien(verbund)nutzung ist ein pädagogisches und fachliches Anliegen im Sinne der Medienerziehung und der Ich-Entwicklung. Literarisches Lernen erfordert immer auch Medienreflexion.  
  • Inhalte und mediale Ausdrucksformen von Medienverbünden eignen sich in besonderer Weise für die Leseförderung. 
  • Da Medienverbünde ein wichtiger Teil unserer Kultur sind, gehören entsprechendes Wissen und Teilhabe zur Enkulturation und zur literarischen Bildung. 
  • Medienvergleiche fördern das Lesen, Sehen und Hören. Sie stiften ein Bewusstsein für die qualitativen Besonderheiten und Differenzen medialer Ausdrucksformen.  

„Eine wichtige Aufgabe stellen einmal Medienvergleiche dar. Wichtig sind diese, weil für die Nutzer innerhalb von Medienverbünden Differenzen offenbar zusehends verschwimmen. Das heißt, die Geschichten werden losgelöst von ihren medialen Kodierungen und im Kontinuum einer einheitlichen multimedialen Unterhaltungskultur wahrgenommen.“ (Maiwald, 2007)
Darüber hinaus bietet die Arbeit mit Medienverbünden die Chance, an die Praxis der Mediennutzung der Schülerinnen und Schüler anknüpfen zu können. Dadurch werden sowohl breitere Zugangsmöglichkeiten zu literarischen Textinhalten als auch vielfältige Perspektiven der Differenzierung eröffnet.

5 Medienverbünde im Deutschunterricht (Berlin und Brandenburg)

Im Fachteil Deutsch des Rahmenlehrplans 1-10 wird ausgeführt:
„Lesekompetenz im weiteren Sinne meint den verstehenden Umgang mit Texten aller Art und in unterschiedlicher medialer Form. (…) Von Beginn des Leselernprozesses an begegnen die Schülerinnen und Schüler einem breiten Textangebot in verschiedenen Medien. Dabei werden sie mit literarischen Texten (…) vertraut, und zwar sowohl mit geschriebenen als auch mit Hörtexten und Filmen. Die Schülerinnen und Schüler wählen Texte und Medien entsprechend dem Leseanlass und der Informationsabsicht gezielt aus und reflektieren ihre persönlichen Vorlieben, Interessen, Fähigkeiten und Erfahrungen mit Texten und Medien. Sie setzen sich intensiv mit Texten auseinander, dokumentieren ihren Leseprozess und präsentieren die Ergebnisse vielfältig.“ (RLP Deutsch 1-10, 2015, 5)

„Bei der Umsetzung der verbindlichen Inhalte werden in jeder Jahrgangsstufe im Sinne eines weiten Textbegriffs Texte verschiedener medialer Formen, wie z. B. Buch, Hörbuch/Hörspiel, Kurzfilm/Film, Theateraufführung, Zeitung/Zeitschrift, Texte aus dem Internet, berücksichtigt. Hierbei werden mindestens zwei Ganzschriften, auch in Verknüpfung unterschiedlicher medialer Formen, in den Unterricht jeder Jahrgangsstufe einbezogen, um die Lesefreude und das Leseinteresse zu fördern.“ (RLP Deutsch 1-10, 2015, 33)

Für die Umsetzung im Deutschunterricht bedeutet das   

  • bei der Auswahl von Ganzschriften literarische Angebote im Medienverbund zu berücksichtigen.
  • Vereinbarungen zum Umgang mit Texten und Medien und zum Erschließen von Texten in anderer medialer Form zu treffen.
  • fächerübergreifende Projekte zu planen, in die das literarische Lernen im Medienverbund integriert werden kann.
  • die Lese- und Medieninteressen sowie Lese- und Medienerfahrungen der Schülerinnen und Schüler systematisch zu dokumentieren (z. B. im Portfolio).

6 Wie kann das literarische Lernen im Medienverbund im Deutschunterricht gestaltet werden?

Beim literarischen Lernen im Medienverbund finden drei Aspekte Berücksichtigung:
Bei der Gestaltung von Lernsituationen des Lesens im Medienverbund können die Schülerinnen und Schüler mit den hier bereitgestellten Materialien ihre Medienerfahrungen und ihre Mediennutzung reflektieren. Die Mediennutzung jedes einzelnen Lernenden erfährt Wertschätzung und wird dokumentiert. Zudem erhält die Lehrkraft wichtige Informationen über die Medienpraxis der Schülerinnen und Schüler im häuslichen Umfeld.

Neben der Reflexion ihrer Mediennutzung setzen sich die Schülerinnen und Schüler mit einem literarischen Textangebot in verschiedenen Medien auseinander. Wichtig ist, dass nicht von vorneherein das Printmedium im Mittelpunkt stehen muss und weitere mediale Formen lediglich als Folgemedien betrachtet werden. Auszüge z. B. aus dem Hörspiel, aus dem Film können in Montage angeboten werden. Individuelle Selbstleseanteile ergänzen das Vorgehen.
So kann man z. B. mit dem Hörspiel oder Hörbuch beginnen, an einer spannenden Stelle stoppen und dann den Lesetext zur Verfügung stellen. Auf diese Weise werden die Schülerinnen und Schüler zum (Weiter-)Lesen motiviert. Falls ein Comic, eine App, ein Computerspiel oder ein Film im Verbund existieren, sollten Anteile dieser medialen Umsetzungen ebenfalls einbezogen werden. Durch dieses switchende Vorgehen erschließen die Schülerinnen und Schüler die Besonderheiten und Unterschiede der einzelnen Medien. Für die bewusste Auseinandersetzung mit den Spezifika der verschiedenen Medien können sie die hier bereitgestellten Materialien nutzen: Texte in anderer medialer Form analysieren und bewerten.

Sowohl zum Abschluss der Auseinandersetzung mit einem Medienverbund als auch parallel im Prozess der Erschließung des Textes können die Schülerinnen und Schüler ihre Erfahrungen austauschen und ihre Erkenntnisse zu den einzelnen Medien vergleichen. Auch dazu steht hier Material zur Verfügung.

Die Materialien sind so konzipiert, dass sie zum einen eine Progression in der systematischen Entwicklung von Fähigkeiten im Erschließen von Texten in unterschiedlichen medialen Formen ermöglichen. Zum anderen eignen sich die jeweils aufeinander abgestimmten Materialien insbesondere auch für den differenzierten Einsatz im Rahmen des gemeinsamen Lernens bzw. für das Lernen in heterogenen Lerngruppen. Die Materialien, die für die Niveaustufe B/C konzipiert sind, eignen sich in der Regel für den Einsatz in den Jahrgangsstufen 2-4, teilweise können sie mit Unterstützung auch schon in der Jahrgangsstufe 1 eingesetzt werden. Materialien, die für die Niveaustufe C/D konzipiert sind, können in der Regel in den Jahrgangsstufen 4-6, zum Teil auch in der Jahrgangsstufe 7 genutzt werden. Alle Materialien können je nach schulischer Situation und Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler weiter modifiziert werden.

Literatur


Bettina Kümmerling-Meibauer: Überschreitung von Mediengrenzen: theoretische und historische Aspekte des Kindermedienverbunds. In: Petra Josting/Klaus Maiwald (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund: Grundlagen, Beispiel und Ansätze für den Deutschunterricht, S. 11. München: kopaed, 2007. (kjl&m 07.extra)    
 
Ulrike Bischof / Horst Heidtmann: Film- und Fernsehbücher: Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund. Materialien zum Buchmarkt in der Mediengesellschaft. Stuttgarter Beiträge zur Medienwirtschaft Nr. 9
 
Katharina Häfele: Medienverbund anno 1930: Emil und die Detektive. Erich Kästner und der Markt. In: Ludwigsburger Beiträge zur Medienpädagogik, Ausgabe 11/2008

Klaus Maiwald: Ansätze zum Umgang mit dem Medienverbund im (Deutsch-)Unterricht. In: Petra Josting / Klaus Maiwald (Hrsg.): Kinder- und Jugendliteratur im Medienverbund: Grundlagen, Beispiel und Ansätze für den Deutschunterricht, S. 35-48. München: kopaed, 2007. (kjl&m 07.extra)

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin / Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (Hrsg.): Rahmenlehrplan Jahrgangsstufen 1-10, Fachteil Deutsch, Berlin, Potsdam 2015.

Redaktionell verantwortlich: Erna Hattendorf