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Globalgeschichte im Geschichtsunterricht

Globalgeschichte im Geschichtsunterricht

1 Risiken und Chancen für den Geschichtsunterricht – ein Argumentationshebel

2 Grundlagen für künftige Bildungsstandards und die Kompetenzentwicklung  

3 Die Vielfalt von Globalgeschichte - Zugangsmöglichkeiten im Unterricht

4 Thematische Beispiele

5  Quellen bzw. Literaturempfehlungen

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Globalgeschichte? - Eine Einführung

Wiederkehrend wurde der Vorwurf an das Schulfach Geschichte gerichtet, es sei zu sehr auf nationale bzw. europäische Geschichte fokussiert. Zahlreiche historische Sachverhalte seien nicht ohne globale oder zumindest großräumige Einordnung bzw. Entwicklungen ausreichend zu verstehen. Aufgrund antikolonialer und antirassistischer Diskurse sowie Forderungen nach der Abkehr vom „nostrozentrischen Narrativ“ (Popp, 2005) wurde die Kritik in den letzten Jahren eher noch verstärkt.

Eine Neuausrichtung bzw. eine inhaltliche und didaktische Weiterentwicklung des Schulfachs in Richtung Globalgeschichte ist sinnvoll und wird zunehmend eingefordert. Hauptanliegen ist dabei, über die geläufigen Narrative und die bisherigen Themen und Methoden hinauszugehen.

Zahlreiche Begriffe (zum Teil aus dem englischsprachigen Raum) wurden definiert – sie waren bzw. sind Teil des Diskurses. Dazu zählen Weltgeschichte, Universalgeschichte, Globalgeschichte bzw. Geschichte im globalen Zeitalter; aus dem englischsprachigen Raum zudem global history, world history, planetary history. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt überwiegt die Verwendung des Begriffs Globalgeschichte. Über die Definition von Globalgeschichte vor allem mit Blick auf dessen Gültigkeit für historische Zeiträume herrscht indessen kein Konsens. Die oben benannten historischen Sachverhalte könnten jedoch durch diesen Begriff erfasst werden.

Nachstehend möchte das LISUM Ihnen eine Informationsseite mit Anregungen zur Globalgeschichte für Ihren Unterricht bieten.

Exemplarische Bereiche von Globalgeschichte im Geschichtsunterricht:

Gliederung

Die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen, die im 21. Jahrhundert den Geschichtsunterricht in der Schule besuchen, unterscheidet sich fundamental von der Lebenswelt des 19. Jahrhunderts, als Geschichte als wertorientiertes, identitätsbeförderndes Schulfach entstand. Das bei vielen Kindern und Jugendlichen verbreitete Bewusstsein für globale (Klima- und Umwelt-)Probleme, das Lernen in Klassen mit Schüler:innen unterschiedlicher Herkunft, die selbstverständliche tägliche Nutzung globaler kommunikativer und medialer Angebote, internationale familiäre bzw. freundschaftliche Beziehungen, internationale Reisen sind Teil dieser gegenwärtigen Lebenswelt.

Ein aus den genannten Gegebenheiten abgeleiteter Ruf nach bzw. eine durchgehend akzeptierte Begründung für Globalgeschichte im Unterrichtsunterricht ist dennoch nicht vorhanden. Oft wird zudem bemängelt, Kinder und Jugendliche erführen bereits heute zu wenig über regionale und nationale Geschichte. Gleichzeitig erfahren sie im Unterricht zum Beispiel kaum etwas über die Geschichte langfristiger Entwicklungen der Menschheit, über Reiche und Staaten des afrikanischen, amerikanischen oder asiatischen Kontinents, über Perspektiven von Menschen in vielen Teilen der Welt auf Geschichte oder über die Verbindungen und Abhängigkeiten der Menschheit. Die Ansprüche an das Fach Geschichte sind heterogen, die Unterrichtszeit knapp. Muss nun im Schulfach Geschichte auch noch Globalgeschichte gelehrt werden? Benötigt man sogar – vielleicht auch nur in der Oberstufe – ein weiteres Fach „Globalgeschichte“? Resultiert aus einer globalisierten Lebenswelt eine Verpflichtung zum Wandel des Fachs Geschichte? Stärkt dies das Interesse von Kindern und Jugendlichen am Fach oder überfordert sie eher? Leistet die Stärkung von Globalgeschichte im Unterricht einen Beitrag zu einer modernen Allgemeinbildung? Diese Fragen können hier nicht beantwortet, jedoch einige Risiken und Chancen aufgezeigt werden, die in Fachbeiträgen der letzten 15 Jahre angeführt wurden.

Risiken

 

Forschung, Ausbildung und Didaktik

  • adäquate fachliche Ausbildung und Fortbildung notwendig

-> bisher fehlen Ausbildungsinhalte und eine globalhistorische Didaktik im Studium bzw. im Referendariat, wenige Lehrstühle an den Universitäten existieren

  • noch fehlender oder rudimentärer Eingang von Globalgeschichte in schulische Curricula -> daher kaum normative Impulse für Lehrkräfte
  • Erweiterung der Perspektive auf historische Sachverhalte erschwert durch Vermittlung fremder Perspektiven über Übersetzungen
  • inhaltlich stets Gefahr „logischer Fehler“ und „ideologischer Verzerrungen“ (Osterhammel, 2009; Anm.: verwendet Begriff Weltgeschichte)
  • zahlreiche Zielebenen für Globalgeschichte sind eine didaktische Herausforderung
  • Legitimierung des Fachs Geschichte im 21. Jahrhundert ist weiter zu diskutieren und zu entwickeln

 

Materialien und Unterrichtsinhalte

  • zielgruppenangepasste Materialien und die Überarbeitung von Lehrwerken ist notwendig -> Historiker:innen und Didaktiker:innen sollten zusammen mit Geschichtslehrer:innen Materialien erstellen und evaluieren
  • Ruf der Beliebigkeit im Fach Geschichte könnte sich verstärken (Stillstand bei Kompetenzorientierung)
  • Widerstand gegen weitere Entfernung vom (vermeintlich) chronologisch-genetischen Geschichtsunterricht
  • Druck auf die bisherigen Inhalte des Unterrichts wächst (Welche Inhalte werden weggelassen?; der Wahlpflichtbereich ist mit Blick auf Zentralabitur nicht beliebig ausdehnbar in der Sek. II)
  • Pauschalisierung oder Glättung sowie Gefahr der Ideologisierung
  • Gefahr „zusammenhangsloser Vielwisserei“ (Osterhammel, 2009)
  • Degradierung der Problemorientierung durch Oberflächlichkeit der Inhalte
  • Entscheidung, ob lokalen und gegenwartsorientierten Bezüge stets einfließen sollen, ist zu treffen

 

Lehrende und Schüler:innen

  • Skepsis gegenüber dem Wandel des Fachs bzw. Uneinigkeit der Lehrerschaft im Fach Geschichte
  • mögliche fachliche Überforderung der Lehrenden
  • Dimension des Beitrags von Globalgeschichte für  das Geschichtsbewusstsein von Schüler:innen bleibt offen

-> wenig Wissen über deren Bedürfnisse und der wertebildenden Wirkung des Fachs

 

Chancen

Strukturen und Zusammenhänge

  • Verbindungen erkennen und einen Überblick über Sachverhalte gewinnen (auch aufgrund unzureichender Beschreibungs- und Erklärungsmöglichkeiten durch Nationalgeschichte)
  • historische Sachverhalte lassen sich in größere Zusammenhänge einordnen
  • der Aufbau übergreifender Begriffsstrukturen wird möglich
  • Lebensweltorientierung und Orientierung in der globalisierten Welt können verstärkt werden (Verflechtung und Interdependenzen sowie globale Herausforderungen in ihren historischen Anlagen)

 

Weltbild, Fokussierung und Vergleich

  • Begrenztheit des historischen Weltbildes aufzeigen
  • nationalen Fokus und Eurozentrismus weiter aufbrechen  bzw. sogar überwinden
  • der „Westen“ als Weltregion unter mehreren
  • mögliche Einzigartigkeiten europäischer Geschichte lassen sich nur im Vergleich bzw. im Kontrast zur Globalgeschichte erkennen
  • die Nation als nur eine Kategorie der Territorialisierung von Geschichte unter mehreren (allerdings: ein vollständiger Entzug des Bezugs zum Nationalstaat ist nicht zielführend)
  • Auflösung der Dichotomie von Subjekt und Objekt (Nation und Welt, Wir und die “restliche Welt“)
  • Relativierung des Narrativs „unserer Wurzeln“ und „unserer Geschichte“ -> letztlich Lockerung der kausalen Verknüpfung der Entstehung von Nationalstaat und der Einrichtung des Schulfachs Geschichte
  • Chancen für mehr Multiperspektivität und Kontroversität im Geschichtsunterricht

 

Dekoloniale, antirassistische Bildung sowie Anthropogenese

  • Thematisierung rassistischer und chauvinistischer historischer Perspektiven im Rahmen der „Europäisierung der Erde“ seit der Frühen Neuzeit
  • Evolutionsbiologie und die Geschichte der Erde lassen sich besser mit der Geschichte des Menschheit verbinden sowie anthropogene Einflüsse auf Ökosysteme und Weltklima aus historischer Perspektive integrieren
  • Thematisierung historischer Beispiele und Bezüge zur Gegenwart

Eckhardt Fuchs stellte bereits 2005 im Beitrag „Geschichtsunterricht jenseits von Nationalgeschichte“ die Fragen, ob der Geschichtsunterricht mit Weltgeschichte überhaupt etwas zur globalen Orientierung beitragen könne? Auf welche Ebene solle zudem die „[…] Einführung weltgeschichtlicher Perspektiven zielen […]“ und welche Kompetenzen und Kategorien seien entscheidend für „[…] global orientiertes Geschichtsbewusstsein […]“? (Fuchs, 2005, S.7f) Die Fragen sind im fortgeschrittenen 21. Jahrhundert weiterhin relevant. Es bedarf empirischer Forschung, um den Einfluss des Schulfachs Geschichte auf die weltliche Orientierung von Schüler:innen zu sondieren und Inhalte und Didaktik zu justieren.

Eine Vielzahl von Standards für das Ende von Schuljahrgängen bzw. bezogen auf Bildungsabschlüsse sind für Globalgeschichte denkbar. Sie lassen sich in künftigen Curricula von Inhalten, Methoden und Zugängen ableiten. Zudem kann die Entwicklung von spezifischen Kompetenzen befördert oder erst angestoßen werden. Vorschläge dafür erfolgten bereits 2005 im Beitrag „Orientierungshorizonte erweitern – welt- und globalgeschichtliche Perspektiven im Geschichtsunterricht“ von Susanne Popp. Im Beitrag von Bernhard/Popp /Schumann aus dem Jahr 2021 werden zudem curriculare Leitlinien vorgestellt, auf die hier lediglich verwiesen werden kann (vgl. Literaturliste).

Globalgeschichtliche Perspektiven ergänzen die bereits etablierten Kompetenzmodelle bzw. schließen daran an. Sie setzen indessen eine stärkere Förderung der Kompetenzentwicklung voraus. Beispielsweise seien Methodenkompetenz (Fragen stellen, Vergleiche kriteriengeleitet durchführen), Urteilskompetenz (Probleme formulieren und lösen, Werturteile bilden, eigene Werte und Perspektiven erkennen und einordnen) und Fachkompetenz (Inhalte zeitlich und räumlich in Verbindung setzen – Gemeinsamkeiten und Unterschiede kennen, sich der Reichweite und der “weißen Flecken“ der individuellen Wahrnehmung von Geschichte bewusst werden) an dieser Stelle genannt.

Die Kunst globaler Historiografie „[…] beweist sich im Weglassen und problembezogenen Zuspitzen.“ (Osterhammel, 2009, S.9.). Wie bereits angedeutet ergibt sich eine Vielzahl von Zugängen für den Geschichtsunterricht. Aufgrund der Komplexität und der eng determinierten zeitlichen Struktur des Unterrichts stellt jedoch das oben genannte Zitat eine Maxime insbesondere für die Sekundarstufe I dar. Problemorientierung sollte eine zentrale Rolle bei den Überlegungen für mögliche Zugänge spielen. Die nachstehenden Anregungen lassen sich mit diesem Ansatz verbinden oder ergänzen.

In den Beiträgen zu Globalgeschichte wird bereits eine Vielzahl an thematischen Vorschlägen für den Geschichtsunterricht unterbreitet, die wir Ihnen an dieser Stelle in Auswahl unterbreiten möchten. Entscheidend sollte sein, dass Globalgeschichte als Ergänzung vermehrt Eingang in den Geschichtsunterricht findet, jedoch keinesfalls den Umfang an Unterrichtsinhalten weiter steigern sollte. Vielmehr lassen sich globalhistorische Themen ebenso durch eine „[…] veränderte Verteilung zwischen obligatorischen und fakultativen Geschichtsthemen […], durch „[…] etablierte Themen mit neuen Perspektiven bzw. Fragestellungen […]“ und durch die Erweiterung bereits existierenden Themen (Bernhard/Popp/Schumann, 2021, S.21) bereits in den Unterricht integrieren. Die genannten Beispiele können sowohl mit Zugängen entsprechend den vorgeschlagenen Kategorien erfolgen als auch mit anderen Zugängen versehen werden. Beispielsweise bietet sich das Thema der Entstehung von Großreichen sowohl im Längsschnitt als auch synchron zu bestimmten Zeitpunkten (z. B. um das Jahr 1000) global betrachtet an.

Bildquellen der Illustrationen in der Grafik: CC BY 4.0 - cocomaterial.com, Zugriff: 2.11.2021

Bernhard, Philipp/Popp, Susanne/Schumann, Jutta (2021): Ein geschichtsdidaktisches Plädoyer für die obligatorische Verankerung globalgeschichtlicher Perspektiven in den Geschichtscurricula, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik, Jg. 20 (2021), S. 18–32.

Fuchs, Eckhardt (2005): Geschichtsunterricht jenseits von Nationalgeschichte: Probleme der Curriculum- und Schulbuchrevision, in: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer, Heft 69, S.7-26. (Druckversion eines Vortrags auf dem Historikertag in Kiel)

Geiger, Wolfgang/Wunderer, Hartmann (2016): Horizonterweiterung im Geschichtsunterricht, Anknüpfungspunkte für ein globales Geschichtsverständnis, in: Geschichte für heute, 3/2016, S.36-50.

Günther-Arndt, Hilke/Kocka, Urte/Martin, Judith (2009): Geschichtsunterricht zur Orientierung in der Welt: Zu einer Didaktik von Globalgeschichte, in: Geschichte für heute, 2/2009, S.25-30.

Middell, Matthias (2005): Mehr Aufmerksamkeit für die Weltgeschichte. Einige Beobachtungen zur aktuellen Konjunktur der Erforschung historischer Grundlagen der Globalisierung, in: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer, Heft 69, S.5-16.

Naumann, Katja (2009): Das Entstehen von Welt- und Globalgeschichte als universitäres Lehrfach in den USA – eine Skizze, in: Geschichte für heute, 2/2009, S.31-37.

Osterhammel, Jürgen (2009): Weltgeschichte: Von der Universität in den Unterricht, in: Geschichte für heute, 2/2009, S.5-30.

Pandel, Hans-Jürgen (2017): Geschichtsdidaktik, Eine Theorie für die Praxis, Schwalbach/Ts., S.197-199.

Popp, Susanne (2005): Orientierungshorizonte erweitern – welt- und globalgeschichtliche Perspektiven im Geschichtsunterricht, Überlegungen im Kontext der Entwicklung von Bildungsstandards für das Fach Geschichte, in: Informationen für den Geschichts- und Gemeinschaftskundelehrer, Heft 69, S.27-49.

Beitrag im Internet:

Philipp Bernhard/Susanne Popp: Erste Schritte auf dem Weg zu globalgeschichtlichen Perspektiven im Geschichtsunterricht – Drei Interventionen)

http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/15048, Zugriff am: 27.10.2021

Professur für Globalgeschichte an der Universität Potsdam

https://www.uni-potsdam.de/de/hi-globalgeschichte/index, Zugriff am: 27.10.2021

Redaktionell verantwortlich: Dr. Uwe Besch, LISUM