Ganztag ist keine Verlängerung der Lernzeit. Auch die Länge Verweildauer in der Schule – etwa durch ein Halbtagsmodell mit nachmittäglichen AGs – bringt nahezu keinen Effekt auf die fachliche Schulleistung. Echter Ertrag entsteht erst, wenn der Ganztag didaktisch, organisatorisch und kulturell neu gedacht wird.
Hier bekommen Sie eine Eindruck davon, welche Veränderungen im schulischen Alltag dazu führen können, dass echter Ganztag entsteht. Der Dreiklang guten Ganztags Wohlbefinden - Leistung - Chancengerechtigkeit kann auch in der Oberstufe zum übergeordneten Ziel der Schulgemeinschaft werden.
Lernen gelingt am besten dort, wo sich Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte wohlfühlen („Wer gern kommt, bleibt auch gern länger“). Wohlbefinden entsteht durch Entlastung vom Notendruck, Partizipation, gegenseitige Wertschätzung, den Umgang mit individuellen Lebenslagen sowie eine ansprechende Raumgestaltung.
Studien (wie die StEG-Studie oder Metaanalysen von Hattie und Dignath/Büttner) zeigen, dass traditionelle Hausaufgaben ab der Sekundarstufe kaum mehr positive Lerneffekte zeigen, aber soziale Ungleichheiten verstärken. Die Lösung liegt in der Verlagerung von Hausaufgaben in die Schule durch selbstreguliertes Lernen (SeL) in Lernbüros und mit Logbüchern. Hierbei entwickeln Jugendliche Schlüsselkompetenzen in Zielsetzung, Zeitmanagement und Teamarbeit. Zudem ersetzt der Wandel hin zu längeren Werkstatt- und Projektblöcken (z. B. 90-Minuten-Takt) den drängenden 45-Minuten-Takt, was den Stress reduziert und vertieftes Lernen (Deeper Learning) ermöglicht.
Wissenschaftliche Erkenntnisse (u. a. der Universität München) belegen, dass sich die innere Uhr von Jugendlichen in der Pubertät biologisch um ca. zwei Stunden nach hinten verschiebt. Ein angepasster Tagesstart (z. B. um 08:30 Uhr statt 07:30/08:00 Uhr) sowie eine flexible Rhythmisierung mit Ausgleichs- und Erholungsphasen führen zu höherer Konzentrationsfähigkeit, besseren Leistungen und deutlich weniger mentaler Belastung.
Um der Rhythmisierung eines echten Ganztags zu entsprechen, ist einer Veränderung der Arbeitszeiten von Lehr- und Fachkräften an der Schule unabdingbar.
Ganztag soll aber nicht zu Mehrarbeit führen, sondern zu einer Orts- und Aufgabenverlagerung. Laut der Potsdamer Lehrerstudie ist nicht die Präsenzzeit in der Schule der Hauptbelastungsfaktor, sondern das Verwaschen von Arbeits- und Freizeit durch abendliche Korrekturen. Durch feste Präsenz- und Teamarbeitszeiten in der Schule, den Wandel von der Einzel-Lehrkraft hin zum Lernbegleiter/Coach sowie rechtliche Spielräume (§ 67 BbgSchulG, z. B. geblockte Früh-/Spätschichten oder Wochen-Rotationen) entsteht am Ende des Schultags ein ehrlicher Feierabend.
Ein gelingender Ganztag erfordert Platz: Stille Arbeitsplätze und Teamräume für Lehrkräfte sowie Lernlandschaften und getrennte Ruhe- und Aktivzonen für Schülerinnen und Schüler. Darüber hinaus verbindet die Oberstufe das Lernen in der Schule mit dem echten Leben – durch Praxis- und Service-Learning, Kooperationen im Sozialraum und Berufsorientierung.
